“Aus unserer Sicht sind die Folgen der ‘Flüchtlingskrise’ immer noch brandaktuell.”



Ob auf dem Pausenhof, bei der Arbeit oder unter Nachbarn: Konflikte gibt es überall. Aber nicht nur da. In Unterkünften für Geflüchtete sitzen Menschen unterschiedlichster Herkunft und Kultur aufeinander, die viel verloren haben und jetzt nur warten können. Das birgt Konfliktpotenzial. Wie die Betroffenen sowie die Anwohner mit Konflikten umgehen können, lernen sie bei R3solute. Was für den Erfolg als Gründerin ausschlaggebend ist und worin die alltäglichen Herausforderungen bestehen, erzählt CEO Helen Winter.

GründerDaily: Hallo Helen, 2018 hast du R3solute gegründet, ein Social Start-up, welches Geflüchtete zu Mediatoren ausbildet. Was habt ihr bisher erreicht?

Helen von R3solute: R3SOLUTE hat inhaltlich bisher über 200 Teilnehmer in Konfliktkompetenzen und Mental Health Awareness in Gemeinschaftsunterkünften und Sprachcafés in Berlin ausgebildet. Menschen wurden gezielt befähigt, ihre Konflikte selbst- und eigenständig zu lösen und ihre Kommunikationsfähigkeiten auszubauen. Außerdem konnten wir unser Netzwerk und unseren Wirkungskreis ausbauen, indem wir interessante und spannende Partnerschaften in unterschiedlich Bereichen eingegangen sind. Derzeit arbeiten wir weiterhin an der Skalierung sowie systemischen Implementierung von R3SOLUTE’s Workshops.

GründerDaily: Ihr seid zwei Haupt- und zwei Co-Gründer. Stell dich und dein Gründerteam doch bitte kurz vor. Wie habt ihr euch aufgabenmäßig aufgeteilt?

Helen von R3solute: Die Idee zu R3SOLUTE kam mir im Zuge der „Flüchtlingskrise“ 2016. Als interkulturelle Mediatorin stellte ich mir die Frage, wie ich mit meinem Know-how ein Stück weit Verantwortung übernehmen kann und meine Fähigkeiten im Bereich Mediation und Konfliktmanagement weitergeben könnte, wo sie am meisten gebraucht werden. Peer Mediation ist eine sehr geschickte Methode, die allen Beteiligten Eigenverantwortung und Gestaltungsmacht gewährleistet. Unser Ziel ist es, Menschen mit und ohne Fluchthintergrund mit den nötigen Tools dazu auszustatten. Als Hauptgründerin und Geschäftsführerin bin ich sowohl im operativen als auch im organisatorischen Tagesgeschäft von R3SOLUTE tätig.

R3solute
Klare Aufgabenverteilung im Gründerteam von R3solute: Helen Winter (l.) ist für das Tagesgeschäft verantwortlich, ihr Bruder Sebastian kümmert sich um M3NTAWARE, einem Programm zur Mental Health Awareness. (Foto: © KfW Stiftung/Abbi Wensyel Photography)

Mein Bruder und Hauptgründer, Sebastian, ist als Chief Medical Officer für die inhaltliche und strategische Ausrichtung des Programms M3NTAWARE verantwortlich. M3NTAWARE schult Teilnehmer unserer Workshops im Bereich Mental Health Awareness. Es soll ein Bewusstsein für psychische Erkrankungen und Traumata vermittelt werden, welche oftmals Konflikte begünstigen können. Außerdem vernetzt R3SOLUTE betroffene Menschen an entsprechende Hilfsorganisationen.

Kyle und Jack sind unsere Co-Gründer mit Sitz in den USA. Sie sind für das Backoffice zuständig und kümmern sich um interne Trainings, Pitch Decks und Teile der internen Organisation und Finanzierung der NGO.

GründerDaily: Melden sich die Geflüchteten und Anwohner bei euch freiwillig, um in Workshops gewaltfreie Konfliktlösungen erlernen und vermitteln zu können?

Helen von R3solute: Ja, unsere interaktiven Workshops sind rein freiwillig und basieren darauf, dass sie allen Teilnehmern auch Spaß machen sollen. In Rollenspielen werden Konfliktsituationen geübt und erprobt. Gleichzeitig kann man eine Bescheinigung über die Teilnahme an den Workshops bekommen, was natürlich immer gerne gesehen wird.

GründerDaily: Wie habt ihr diese Workshops zur Peer-Mediation sowie zur Psychotraumatologie konzipiert?

Helen von R3solute: Da wir selbst ausgebildete Juristen, Mediatoren, Psychologen und Mediziner sind, haben wir die Workshops in Kooperation mit Menschen mit Flucht- und Unterkunftserfahrungen selbst konzipiert. Dabei sind beispielsweise die Rollenspiele an echte Konfliktsituationen aus dem täglichen Miteinander angelehnt.

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Die Workshops hat das R3solute-Team gemeinsam mit Geflüchteten erarbeitet. (Foto: © KfW Stiftung/Abbi Wensyel Photography)

GründerDaily: Für eure Arbeit wurdet ihr unter anderem mit dem Act for Impact – Förderpreis ausgezeichnet. Was bedeuten euch Auszeichnungen und Gründerwettbewerbe?

Helen von R3solute: Auszeichnungen und Gründerwettbewerbe sind eine perfekte Möglichkeit, um in den Genuss einer ideellen Förderung und Startfinanzierung zu kommen.

Ich würde jedem Gründer empfehlen, es einfach mal zu probieren und sich zu bewerben.

Natürlich bedeuten solche Wettbewerbe immer ein bisschen Nervenkitzel, aber es lohnt sich enorm! Die Öffentlichkeitswirkung ist ein weiterer guter Nebeneffekt, der Gründern hilft, ihre Arbeit und Vision bekannter zu machen. Außerdem ist ein Preis, wie der Act for Impact Award oder auf Platz 11 der Top 50 Start-ups gelistet zu sein, immer auch ein Qualitätsmerkmal für Partner und dergleichen.

  • Gründerwettbewerbe helfen euch beim Feinschliff eurer Geschäftsidee und der Umsetzung eures Gründungsvorhabens.

GründerDaily: Du sagtest uns im Rahmen der Auszeichnung Top 50 Start-ups 2018, dass das Wichtigste ist, den Herzensgrund zu wissen, warum man gründet. Warum?

Helen von R3solute: Genau! Im Verlauf einer Gründung treten immer wieder neue Herausforderungen auf, auf die man so nicht vorbereitet sein kann. Wenn man dann nicht seinen Herzensgrund kennt, kann man schnell demotiviert sein. Um dem vorzubeugen, hilft es enorm, sich immer wieder zu fragen, warum man gegründet hat und seinen Herzensgrund vor Augen zu führen. So kann man jede Hürde meistern.

  • Weitere Start-ups aus den Top 50 und 167 regionale sowie überregionale Gründerwettbewerbe stellen wir in unserer kostenfreien Publikation vor.

GründerDaily: Speaking of… welche Hürden musstet ihr bei der Gründung meistern?

Helen von R3solute: Keine Gründung verläuft reibungslos, es kommt fast immer zu Unklarheiten und Konflikten im Team. Jeder hat eine andere Vorstellung vom Unternehmen und der Organisationsstruktur. Es ist wichtig, offen und ehrlich miteinander zu kommunizieren und Probleme frühzeitig anzusprechen. Nur durch transparente Kommunikation können alle Interessen unter einen Hut gebracht werden. Außerdem braucht man natürlich Geduld.

Eine Gründung passiert nicht von heute auf morgen, sondern will sorgfältig geplant sein.

GründerDaily: Wie habt ihr euch bisher finanziert und wie sieht es künftig aus?

Helen von R3solute: Wir finanzieren uns sowohl über Stiftungsgelder, Fördermittel und Crowdfunding, als auch über unsere Workshops, die von Trägern der Einrichtungen mitfinanziert werden. Wir schließen es in der Zukunft nicht aus, auch im Bereich CSR aktiv zu werden und unsere Konfliktkompetenz Workshops auf Unternehmen auszuweiten, sodass wir beispielsweise mit dem Ertrag gemeinnützige Workshops mitfinanzieren würden.

GründerDaily: Die Flüchtlingskrise ist insbesondere medial eher in den Hintergrund gerückt. Was bedeutet das für eure Arbeit?

Helen von R3solute: Aus unserer Sicht sind die Folgen der „Flüchtlingskrise“ immer noch brandaktuell. Konflikte sind nicht nur ein Dauerbrenner in Gemeinschaftsunterkünften und um sie herum, sondern auch am Arbeitsplatz und in der Schule.

Gerade jetzt gilt es, geschickt zusammenzuarbeiten und gemeinsam Vorurteile abzubauen. Es zeigt sich immer wieder, dass das Integrationsgeschehen durch tatsächlichen Umgang und Kontakt miteinander von allen Beteiligten positiver eingeschätzt wird. Dieser Kontakt ist der Kern unserer Arbeit.

Wenn man in einem geschützten Vertrauensraum über schwierige Themen spricht, können Ängste und Vorurteile abgebaut werden.

GründerDaily: Welche Ziele habt ihr euch für dieses sowie für die kommenden Jahre gesteckt?

Helen von R3solute: Wir möchten, dass unser Ansatz systemisch wird und eine Lösung für vielerlei Konfliktherde werden kann. Wir verstehen unsere Arbeit als ein Bindeglied, dass eine Lücke durch eine nachhaltige Konfliktmanagement-Strategie systemisch schließt. Daher haben wir uns für nächstes Jahr die Skalierung in ein weiteres Bundesland vorgenommen. Außerdem ist es uns wichtig, die Wirkung unserer Arbeit zu messen. Daher werden wir uns vertieft auf die Bereiche Monitoring und Evaluation konzentrieren.

GründerDaily: Vielen Dank für das Gespräch, Helen. Wir wünschen euch viel Erfolg!

Keyfacts über R3solute

  • Gegründet im Jahr: 2018
  • Firmensitz in: Berlin
  • Unser aktuelles Team besteht aus: 11 motivierten Menschen
  • Die erste Finanzierung erfolgte durch / über: Act for Impact Award
  • Besonders geholfen haben mir/uns bisher: das ANKOMMER Stipendium, der Act for Impact Award, das Top-50 Ranking
  • Besonders wichtig im Arbeitsalltag sind für mich/uns folgende:
    • Menschen: motivierte Menschen, die an Veränderungen glauben und diese bestmöglich umsetzen wollen
    • Tools: Konfliktkompetenzen, Überzeugungskraft, Ausdauer und Freude am Job
    • Internetseiten: sämtliche Internetseiten der Tagespresse, Stiftungen, von Ländern und Fachartikel-Archive
  • Kontakt

  • Helen Winter
  • c/o Social Impact Lab
    Muskauer Str. 24
    10997 Berlin
  • 0049 162 8582278
  • [email protected]
  • www.r3solute.com