Nebenwirkungen melden ist wichtig – und dank diesem Start-up auch einfach



Ein Gesichtsfeldausfall und zeitweise Sehausfälle nach der Einnahme eines Antibiotikums brachten Friderike Bruchmann auf ihre Geschäftsidee. Denn wer macht sich heutzutage ernsthaft Gedanken über Nebenwirkungen von Medikamenten, solange er keine verspürt. Und wer hat schon einmal eine Nebenwirkung gemeldet, wenn er sie hatte? Vermutlich eher die Minderheit. Doch nur so kann die Arzneimittelsicherheit verbessert werden. Die Onlineplattform Nebenwirkungen.eu will hierzu einen Beitrag leisten.

Recitfga-bsl.info: Hallo Friderike, ihr habt ein Problem erkannt, nach der Lösung gesucht und so ist Nebenwirkungen.eu entstanden. Erzähle uns doch kurz: Was ist das Problem…

Friderike von Nebenwirkungen.eu: Sechs Millionen Menschen in Deutschland haben nach der Einnahme von Medikamenten Nebenwirkungen. Zwölf Prozent aller Notfälle werden durch Nebenwirkungen verursacht. Doch pro Jahr werden nur etwa 28.000 Fälle gemeldet! Der Grund ist meistens ein langer und umständlicher Meldeprozess. Unsere Online-Plattform nebenwirkungen.eu will genau diese Schwachstellen beheben. Das integrierte Meldetool ist eine einfache und schnelle Lösung, um die Arzneimittelsicherheit zu unterstützen und so zu einer besseren Risikoabschätzung und im besten Fall auch weniger Notfällen durch Nebenwirkungen zu führen.

Recitfga-bsl.info: …wie habt ihr dieses Problem erkannt…

Friderike von Nebenwirkungen.eu: Mein Arzt hat mir nach einer Mandelentzündung ein Antibiotikum verschrieben, das sehr starke Nebenwirkungen bei mir auslöste – unter anderem einen Gesichtsfeldausfall, der dazu führte, dass ich zeitweise auf dem rechten Auge nichts mehr sehen konnte. Als erstes griff ich zum Beipackzettel und las ihn von vorne bis hinten im Detail durch, allerdings waren derart starke Nebenwirkungen nirgends beschrieben. Darum wollte ich, wie im Beipackzettel beschrieben, die Nebenwirkungen beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte melden, doch der Prozess war sehr langwierig und umständlich, sodass ich im Internet nach anderen Möglichkeiten suchte. Als ich auch online keine zufriedenstellende Möglichkeit für die Meldung der Nebenwirkung finden konnte, entschied ich mich dazu, selbst eine Lösung für das Problem zu entwickeln.

Nebenwirkungen.eu Meldung
Auf der Online-Plattform Nebenwirkungen.eu können ganz einfach Nebenwirkungen gemeldet werden (Foto: Medikura Digital Health GmbH)

Recitfga-bsl.info: …und was ermöglicht eure Lösung?

Friderike von Nebenwirkungen.eu: Nebenwirkungen.eu ermöglicht Menschen mit Nebenwirkungen, diese einfach, schnell und pseudonymisiert, d.h. ohne Weitergabe persönlich identifizierbarer Daten, an den jeweiligen Hersteller zu melden, sowie sich über bereits bekannte Nebenwirkungen zu informieren. Gleichzeitig können Pharmahersteller über unsere Plattform Rückfragen an Patienten stellen. Hierbei agieren wir als eine Art Firewall zwischen Patient und Hersteller, um den Identitätsschutz der Patienten zu gewährleisten. Ziel der Plattform ist es, den unmittelbaren Austausch zu unerwünschten Arzneimittelwirkungen zwischen Patient, Arzt und Pharmahersteller herzustellen und so die Arzneimittelsicherheit signifikant für alle Beteiligten zu steigern.

Recitfga-bsl.info: Nun mag man sich fragen: Wieso gibt es so etwas denn nicht schon längst? Und wo liegen die Vorteile gegenüber der offiziellen Meldestelle des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte?

Friderike von Nebenwirkungen.eu:

Nebenwirkungen.eu schafft es erstmals, Patienten, Ärzte und Pharmahersteller quasi in Echtzeit in einem digitalen System zu verbinden und Nebenwirkungsmeldungen anwenderfreundlicher zu machen.

Die Pharmabranche hat einen weiteren großen Vorteil durch unser Portal: Denn über nebenwirkungen.eu erhalten die Pharmahersteller die Meldungen zu den Nebenwirkungen direkt ohne Umwege und in standardisierter Form, was sehr viel Zeit und Geld im Vergleich zu herkömmlichen Meldewegen spart. Daneben ermöglicht unser Meldesystem aber auch eine umfassendere Datenqualität, weil Patient und Arzt zusammen zur Meldung von Nebenwirkungen beitragen und Rückfragen über unser Tool abgewickelt werden können.

Recitfga-bsl.info: Wie könnt ihr die Echtheit von Meldungen bestimmen bzw. wie prüft ihr die Eintragungen?

Friderike von Nebenwirkungen.eu: Jede Person, die über unsere Plattform meldet, muss persönlich identifizierbare Daten wie E-Mail-Adresse und Geburtsdatum angeben. Dadurch können wir zum einen doppelte oder ähnliche Meldungen der gleichen Person rausfiltern, sowie zum anderen Rückfragen seitens der Hersteller zu einer Person zuordnen können. Zudem haben wir verschiedene Überprüfungsmechanismen aufgesetzt, um jede Meldung auf deren Echtheit und Plausibilität zu überprüfen. Dass eine Meldung gefälscht ist, kann man natürlich nie komplett ausschließen, aber mit unserer Plattform ist die Wahrscheinlichkeit wesentlich geringer als es in der Vergangenheit der Fall war.

Recitfga-bsl.info: Euer Gründerteam besteht aus drei Personen. Gib uns doch einen kurzen Einblick: Welchen Background habt ihr?

Friderike von Nebenwirkungen.eu: Ich habe vor der Gründung über zwei Jahre Marktrecherche betrieben und mit Experten aus der Pharmaindustrie, Patientenorganisationen, sowie Ärzten und politischen Vertretern gesprochen, um zu verstehen, warum das derzeitige Meldesystem nicht wirklich funktioniert. Darauf aufbauend habe ich ein innovatives Meldekonzept entwickelt, das die Defizite des jetzigen adressiert und rechtlich umfassend prüfen lassen.

Auf der Suche nach den passenden Mitgründern, die die Bereiche IT-Infrastruktur sowie Finanzen und Sales abdecken, habe ich dann Tobias Nendel und Philipp Nägelein von der Idee überzeugen können.

Nebenwirkungen.eu
Das Team von Nebenwirkungen.eu (v.l.n.r.): Patrick Proppe, Friderike Bruchmann, Tobias Nendel, Philipp Nägelein (Foto: blende11)

Recitfga-bsl.info: Derzeit werdet ihr durch das EXIST-Gründerstipendium unterstützt und dem Europäischen Sozialfonds gefördert. Außerdem plant ihr eine Seed-Finanzierungsrunde. Der Patient kann Nebenwirkungen.eu aber kostenfrei nutzen. An welcher Stelle wollt ihr langfristig mit eurem Geschäftsmodell Geld verdienen?

Friderike von Nebenwirkungen.eu: Wir wollen mit nebenwirkungen.eu eine transparente Kommunikationsplattform schaffen, die den Austausch zwischen Patienten, Ärzten und Arzneimittelherstellern ermöglicht. Im Mittelpunkt steht für uns immer der Patient, denn genau für Patienten mit Nebenwirkungen gibt es unsere Plattform. Da Pharmahersteller durch diesen Austausch die Sicherheit ihrer Arzneimittel überwachen können, möchten wir bei ihnen auch die Bereitschaft schaffen, für diesen Mehrwert zu zahlen. Dabei werden wir aber immer pharmaunabhängig bleiben, d.h. kein Pharmahersteller wird an uns beteiligt sein.

Recitfga-bsl.info: Euer Fazit fünf Monate nach dem Start: Wie viele Meldungen gehen pro Woche (oder Monat) ein?

Friderike von Nebenwirkungen.eu:

Wir bekommen täglich mehrere Nebenwirkungen gemeldet und werden bereits Ende diesen Jahres so viele Meldungen erhalten, wie Ärzte oder Apotheker schon derzeit über ihre Arzneimittelkommissionen weitergeben. Damit haben wir es geschafft, bereits nach einem Jahr systemrelevant zu sein.

Recitfga-bsl.info: Wie macht ihr Werbung für die Plattform – insbesondere bei Patienten?

Friderike von Nebenwirkungen.eu: Wir bauen derzeit verschiedene Kooperationen mit etablierten Marktplayern aus dem Gesundheitswesen auf, um schnell eine hohe Reichweite zu erhalten. Unser Ziel ist, jeden Patienten dort abzuholen, wo potenziell Nebenwirkungen eine Rolle spielen, z. B. bei der Recherche nach neuen Medikamenten oder beim Check von Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Zudem haben wir verschiedene PR-Aktivitäten geplant, um die Gesellschaft generell für das Thema Nebenwirkungen und speziell die Möglichkeit zu melden zu sensibilisieren.

Recitfga-bsl.info: Wie soll es weitergehen, also was ist eure Vision: Wo wollt ihr in den nächsten Jahren mit Nebenwirkungen.eu hin?

Friderike von Nebenwirkungen.eu: Unsere Vision ist es, die Arzneimittelsicherheit weltweit zu verbessern. Nach unserem Launch in Deutschland, Österreich sowie der Schweiz diesen Jahres soll 2019 die Expansion in weitere europäische Länder folgen. Bis 2025 soll die Plattform weltweit genutzt werden.

Keyfacts über Medikura / Nebenwirkungen.eu

  • Gegründet im Jahr: Dezember 2017
  • Firmensitz in: München
  • Unser aktuelles Team besteht aus: 3 Gründern, einem festen Mitarbeiter und vier Werkstudenten
  • Die erste Finanzierung erfolgte durch / über: EXIST-Gründerstipendium / Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und dem Europäischen Sozialfonds
  • Besonders geholfen haben mir/uns bisher: Verschiedene Netzwerke aus privatem Umkreis und Studienzeiten, sowie unser medizinischer und industrieller Expertenbeirat
  • Besonders wichtig im Arbeitsalltag sind für mich/uns folgende:
    • Menschen: das Team, Familie und Freunde
    • Tools: Mattermost, Asana, Github
    • Internetseiten: Google Maps
  • Kontakt

  • Friderike Bruchmann
  • MEDIKURA Digital Health GmbH
    Karlstraße 110
    80335 München
  • +49 (0) 89 2154 7481
  • [email protected]