Schlachtfeld Snapchat: Start-ups zwischen Geistern und Geofiltern



Im Internet ist die Geisterstunde angebrochen. Hundeohren, Regenbögen und „Face Swaps“ färben das Netz in eine gelbe Wolke aus jugendlichem Jubel und Hysterie derer, die Snapchat noch nicht so recht verstanden haben. Dabei sollten Unternehmen schon längst ihren ersten Snap abgesetzt haben. Du versteht nur Bahnhof? Dann haben wir hier genau das richtige für dich, eine Erklärung für den Hype und ein paar Tipps für den Einstieg.

Einfach gesagt, ist Snapchat ein Nachrichtendienst, über den Nutzer Textnachrichten, Fotos und Videos verschicken können. Allerdings ist der kleine Geist, die Symbolfigur der App, noch viel mehr als das. Snapchat sind dynamische und ortsbezogene Filter, fliegende Emoticons, sich selbst löschende Fotos sowie Videos und – richtig eingesetzt – eine große gelbe Gelddruckmaschine, sowohl für Influencer als auch für Marken.

Snapchat: was zuvor Facebook, Twitter und Instagram waren

Da Facebook längst von Eltern, Lehrern und Vorgesetzten geflutet wurde, tummelt sich die Jugend seit drei Jahren auf Instagram. Doch auch dorthin hat es die Werbewirtschaft geschafft und so sattelte man auf Snapchat um. Insgesamt scheint es wie eine unaufhörliche Jagd auf die Zielgruppe zu sein. Kaum hat man ihren Kanal erschlossen, flüchtet sie zum nächsten.

In Amerika liegt Snapchat bei den 13- bis 24-jährigen also auch schon wieder vor Instagram. Im Alter zwischen 25 und 34 liegen beide Kanäle gleich auf und sobald es in die älteren Jahrgänge geht, überwiegt Instagram¹.

Snapchat für Start-ups
Ein Geist scheidet die Geister (Logo: Snapchat, Grafik: Recitfga-bsl.info)

Snapchat hat so einen rasanten Zuwachs hingelegt, dass die Konkurrenten Facebook, Twitter und Instagram nur neidisch werden können. Bis Juni 2015 sollen es weltweit 200 Mio. User gewesen, die sich zur Nutzgruppe von Snapchat zählten. Zu den Top 5 Ländern, die diese Nutzerzahlen beisteuerten, gehört auch Deutschland².

Vor einiger Zeit machte Snapchat schon einmal die mediale Runde, jedoch nicht ohne dass man im selben Atemzug den Begriff „Sexting“ benutzte. Die Berichterstattungen weckten bei besorgten Eltern die Angst, dass ihre Kinder im Teenager-Alter unter der Prämisse, die Fotos würden sich nach dem Ansehen selbst zerstören, einander „freizügige Fotos“ schicken könnten. So verschwand die App dann auch wieder in der Versenkung der App-Stores – bis der gelbe Geist vor wenigen Monaten erneut begann, herumzuspuken. Der Hype war zurück und scheint dieses Mal länger zu bleiben.

How to snap?

Aber wie funktioniert die App eigentlich? Das fragen sich viele Menschen und tun sich schwer, Anleitungen zu Snapchat zu verstehen. Im Grunde ist Snapchat ein Mikrokanal aus dem Social Media-Bereich.

  • Starten und adden: Wenn man einen Account anlegt, überlegt man sich einen Nutzernamen und erstellt ein (GIF-animiertes) Profilbild. Dieses Profilfoto hat übrigens eine QR-Funktion, über die man andere User im weltweiten Snapchat-Nutzerkreis finden und adden kann.
  • Privat kommunizieren: Es gibt die Möglichkeit, private Chats zu führen, ganz wie bei WhatsApp. Private Textnachrichten, Fotos, Videos und Emoticons werden nur zwischen Sender und Empfänger hin und her versandt.
  • Öffentlich die eigene Story teilen: Mann kann sich aber auch öffentlich darstellen, indem man Fotos und Videos von sich erstellt und in seine Story hochlädt. Die Snapchat-Story ist quasi das, was die Timeline für Facebook oder Twitter ist – ein Feed mit den aktuellsten „Neuigkeiten“ an oberster Stelle.

Snapchat ist nicht intuitiv, aber attraktiv

Möchte man sich eine Story ansehen, tippt man auf den jeweiligen Kanal – von Justin Bieber über Lewis Hamilton bis hin zum Europäischen Parlament und dem Weißen Haus kann man so einige Kanäle abonnieren – und sieht sich die nacheinander erstellten Fotos und Videos, eben die Storys, an. Sowohl die Fotos als auch die Videos werden in der Regel nur zehn Sekunden lang angezeigt. Bei einem Foto ist das meistens auch nicht tragisch.

Doch was ist mit den Videos? Hier reichen zehn Sekunden nur selten aus. Achtung, das ist der Spaß daran. Sind die zehn Sekunden Aufnahmezeit abgelaufen, muss man neue zehn Sekunden filmen und weitere zehn Sekunden und nochmals zehn Sekunden – bis die Geschichte zu Ende erzählt ist oder der Moment gebührend festgehalten wurde. Alle diese Einzelteile, quasi Snippets und daher auch „Snaps“ genannt, werden aneinander gereiht dargestellt und das für 24 Stunden.

Nur in den privaten Chats – fernab der öffentlichen Story – verschwinden die ausgetauschten Textnachrichten, Fotos und Videos noch schneller, und zwar direkt nach dem Ansehen.

Besonders attraktiv sind für die User die dynamischen Bilder und Emoticons. Während man ein Selfie-/Video von sich macht, kann man einen Geofilter verwenden, Gesichter „faceswappen“ oder einen virtuellen Blumenkranz auf seinen Kopf zaubern.

Die Zielgruppe ist auf Snapchat sehr aufmerksam

Bei Snapchat geht es nicht um Shares oder Likes wie bei Facebook und Co., sondern darum, Aufmerksamkeit zu erzielen – und die wird einem durch das Konzept der App, geradezu auf dem Silbertablett serviert. Die begrenzte Möglichkeit, sich die Bilder und Videos erneut anzusehen, macht die Nutzerschaft nämlich sehr aufmerksam. Die User wollen nichts verpassen, also sehen sie sich alle erstellten Snaps genau an. Denn auch zurückspulen ist nicht möglich.

Einige Male kann man sich die Snaps nochmals von vorne ansehen, aber nach genau einem Tag verschwinden die Fotos und Videos im Nirvana. Genau hier fragen sich viele Unternehmen, warum sie Zeit und Geld für Marketingstrategien aufwenden sollten, die in einen Social Media-Kanal fließen, der so flüchtig ist und von außen so gar nicht intuitiv bedienbar erscheint. Das Ziel muss es aber sein, die werberelevante Zielgruppe da abzuholen, wo sie sich aufhält und die eigene Innovationskraft unter Beweis stellen, indem man zeigt, dass man umdenken und sich flexibel an die Zielgruppe anpassen kann.

Während also die interessierte Zielgruppe förmlich an ihren Smartphones klebt, um alles mitzubekommen, erwacht das Vertriebs- und Marketingherz. Jedoch sind die meisten Unternehmen noch im Anfangsstadium der halbherzigen und gestellten Fotos. Dabei wird Snapchats Potenzial erst mit authentischen Videos ausgeschöpft. Was man filmen sollte? Na, den Unternehmensalltag, von einem Event, einem Produktshooting oder wenn die Kollegen Schlange am Kaffeeautomaten stehen. Persönlich, natürlich und echt sind die Schlagwörter.

Das Spannende hier ist, dass die Fotos und Videos auf Snapchat längst nicht so weitreichend voraus geplant werden können, wie auf Facebook und Co. – Snaps wirken deshalb echter und näher.

ProSieben, Bild, Neckermann und Sixt sind Early Adopter

Somit können auch Unternehmen nicht einfach eine statische Content-Pipeline aufbauen, sondern müssen stets recht kurzfristig und „roh“ an die Sache herangehen. Für Unternehmen bietet es sich daher an, Einblick hinter die Kulissen zu geben. Die US-amerikanische Parfümerie-Kette Sephora snapt, wenn Produktfotos gemacht werden und gibt regelmäßig einen Vorgeschmack auf bald beginnende Verkaufsstarts.

Ein anderes Beispiel ist ProSieben. Während einer kürzlich abgehaltenen „Snapchat Week“ nahmen die Macher der Sendungen taff oder Circus HalliGalli die Fangemeinde mit hinter die Kameras. Bis zu 53.000 Views konnte der Sender für seine Snaps verzeichnen – und das ganz ohne Share-Button³.

Weitere Unternehmen die Snapchat zu nutzen verstanden haben, sind Bild, Neckermann und Sixt. Sie werden in Bezug auf Snapchat derzeit als Early Adopter begriffen. Bis sämtliche Unternehmen, die es sich gerade auf Instagram gemütlich gemacht haben, auch den Sprung auf Snapchat geschafft haben, werden sicherlich noch einige Monate vergehen⁴.

5 Tipps für Start-ups auf Snapchat

Konkrete Tipps zum unternehmerischen Umgang mit Snapchat gab Franziska Broich auf der diesjährigen re:public. Ihre Social Media-Erfahrungen sammelte sie im Social Media-Team des Europäischen Parlaments. Auf t3n kann man nachlesen, welche fünf wichtigsten Tipps für Unternehmen beim Vortrag rausgesprungen sind.

  1. Der erste Rat handelt davon, sich drauf einzulassen, ohne sich zu verbiegen. Der Content ist dem Snapchat-Stil anzupassen: sei nicht so perfekt, schreibe nicht so viel Text und baue dafür mehr spielerische Funktionen der App ein.
  2. Hinweis Nummer zwei pocht auf Persönlichkeit. Der seit Januar 2016 aktive Snapchat-Account des Weißen Hauses sei hierfür das beste Beispiel. Das Team macht Fotos und Videos von Barack Obama bei Empfängen und Besuchen.
  3. Der dritte Tipp erklärt, dass die Hauptzielgruppe noch zur Schule oder Uni geht und am besten in der großen Pause zu erreichen ist. Somit sollten die ersten Snaps schon am frühen Morgen abgesetzt werden.
  4. Die Notwendigkeit, sich eigene Strategien zur Messung von Erfolgen zu überlegen, ist der vierte Ratschlag. Denn Snapchat ist nicht richtig messbar, man kann nicht einsehen, wie viele Follower man hat. Man kann allerdings in einer Excel-Liste notieren, sobald man geadded wurde. So kann man eine eigene Liste der Fans führen und zusammenrechnen, wie groß die Fanbase wohl ist.
  5. Der fünfte und letzte Tipp ist etwas abstrakt, da er besagt, dass man auch offline verfügbar sein solle. Gemeint ist, dass man das Social Media-Team auch selbst außerhalb von Snapchat erreichen können sollte. Bei aller Spielerei mit dem gelben Geist sollte der persönliche Kontakt nicht vergessen werden.

Fazit zu Snapchat: Zwei Meinungen

Snapchat scheidet die Geister. Während ich Snapchat nahezu jedem Unternehmen empfehlen würde, fragen viele Gründer sich, ob es sich wirklich lohnt, noch einen weiteren Kanal zu bespielen. Daher haben wir uns entschlossen, zwei Fazits zu veröffentlichen, die einmal dafür und einmal dagegen halten.

Pro Snapchat: Snapchat ist nicht wie Facebook oder Twitter, so perfekt inszeniert und voraus geplant, sondern ein Kanal für spontane Echtheit. Dies ist ein wichtiges Argument für Snapchat. Das, was Unternehmer ärgern dürfte, die mangelnde Messbarkeit und die Flüchtigkeit der Inhalte, macht es so attraktiv für junge Nutzer. Wenn man sich erstmal darauf eingelassen und akzeptiert hat, dass es nicht um den Aufbau von wiederverwertbarer Content-Masse, sondern um den eines Unternehmensimages geht, kann man sich über die geringen Produktionskosten von nahezu null freuen.

Contra Snapchat: Social Media-Kanäle sind sowohl für kleine als auch große Unternehmen noch immer eine Herausforderung, für die es kein Patentrezept gibt. Gerade kleine Unternehmen sollten im Anbetracht ihrer begrenzten Ressourcen zunächst auf Kanäle setzen, in denen sie ihre Ziele, Strategien und die Ergebnisse ihrer Maßnahmen kontinuierlich überprüfen können. Wer sich dann sicher im Umgang mit den sozialen Netzwerken fühlt und Kapazitäten frei hat, kann auch Snapchat ausprobieren. Denn umsonst ist Snapchat natürlich nicht, auch hier wollen Storys geplant und gut ausgeführt werden, damit das Image passt. Und nur die kontinuierliche Pflege des Kanals wird auch die erhoffte Wirkung bringen.

Quellen zum Thema Snapchat

¹ ² ³ ⁴

eurobud.com.ua/bitumnaya-cherepitsa-docke-genuya/

Comanche Ranger Texas Ds

Кроссовый велосипед